Drittortbegeg- nung in der Normandie

News

BKFR + WG

Bereits zum vierten Mal verbrachten wir eine gemeinsame Woche mit einer Schüler*innen-Gruppe unserer französischen Partnerschule „Lycée Pierre de Coubertin“ aus Nancy – nach dem letztjährigen Treffen in Berlin, hatten wir dieses Mal die Normandie als Reiseziel gewählt. 19 Schüler*innen des Berufskollegs Fremdsprachen und des Wirtschaftsgymnasiums machten sich also am Morgen des 16. März 2026 auf die ca. neunstündige Zugfahrt von Heilbronn nach Caen. Nach Umstiegen in Karlsruhe und Paris, konnten wir am späten Nachmittag endlich unser komfortables Hotel in Zentrumsnähe beziehen. Viel Zeit zum Ausruhen blieb jedoch nicht, denn noch am gleichen Abend stand die erste Kennenlernaktivität an: In gemischten Kleingruppen versuchten die Schüler*innen ihren Weg aus Escaperooms zu finden – eine Aufgabe, die ohne Kommunikation (in welcher Sprache auch immer) nicht lösbar ist. Nebenher wurden wir von herzhaften und süßen Canapés verwöhnt – ein erster Einblick in die herausragende Bedeutung, die die hochqualitative Kulinarik in Frankreich spielt.

Der Dienstag stand ganz im Zeichen der deutsch-französischen Geschichte: mit einem deutsch- und einem französischsprachigen Guide besichtigten wir in strahlendem Sonnenschein die wichtigsten Schauplätze des Zweiten Weltkriegs in der Normandie. Neben Besuchen deutscher Verteidigungsanlagen an der Pointe du Hoc und in Longues-sur-mer, stand natürlich auch ein Besuch des Omaha Beach an. Aus Filmen wie „Der Soldat James Ryan“ bekannt, war dies der Strandabschnitt an der normannischen Küste, an dem die meisten alliierten Soldaten landeten, an dem diese aber auch die höchsten Verluste zu beklagen hatten. Alleine am D-Day, dem 6. Juni 1944, starben hier über 3 000 amerikanische Soldaten – nicht zu Unrecht trägt der Omaha Beach daher auch den Spitznamen „Bloody Omaha“. Besonders eindrucksvoll waren auch die Besuche des deutschen Soldatenfriedhofs in La Cambe und des amerikanischen Soldatenfriedhofs in Colleville sowie die Kontraste, die sich in der Anlage und Gestaltung der Erinnerungsstätten widerspiegeln: Einerseits die nüchterne und beinahe dunkle Atmosphäre des deutschen Friedhofs, andererseits die Helligkeit und der Pomp des amerikanischen Friedhofs mit Kreuzen aus italienischem Marmor, extra aus Oregon eingeflogenen Kiefern und dem täglichen Abspielen der Nationalhymne per Glockenspiel. Trotz dieser offensichtlichen Unterschiede ist die Botschaft dieser Erinnerungsstätten jedoch die gleiche: abertausende meist junge Männer haben hier ihr Leben gelassen – die einen im (natürlich nicht immer freiwilligen Kampf) für eine menschen-verachtende Ideologie, die anderen für die Freiheit Europas und der Welt. Dafür, dass sich eine solche menschliche Katastrophe niemals wiederholen darf, legen die Gräberstätten Zeugnis ab.

Nachdem wir am Dienstag einige der wichtigsten Schauplätze der alliierten Invasion der Normandie im Juni 1944 gesehen hatten, besuchten wir am Mittwoch das Mémorial de Caen – das größte und umfangreichste Museum zum Zweiten Weltkrieg in der Normandie. Mit Audioguides ausgestattet, konnten die Schüler*innen ihr vorhandenes Wissen über den Zweiten Weltkrieg auffrischen und, vor allem für uns Deutsche spannend, die französische Perspektive auf den Krieg kennenlernen, die auch heute noch zwiespältig daherkommt: Einerseits ist man stolz auf den nie abebbenden Widerstand der Résistance und darauf, schlussendlich als Sieger aus dem Krieg hervorgegangen zu sein; andererseits ist die Erinnerung an die schmachvoll schnelle Überrumpelung durch das deutsche Militär und die Kollaboration des Vichy-Regimes selbst heute noch mit Scham behaftet.
Als Lehrkräfte zweier berufsbildender Schulen, ist es uns bei der Planung des Programms auch immer wichtig, einen („typisch“ deutschen/französischen) beruflichen Aspekt einzubauen. Aus diesem Grund besuchten wir am Mittwoch außerdem die Fabrikationsstätte der in Frankreich sehr bekannten „Caramels d’Isigny“. In einer Werksführung wurde uns erläutert, wie eng dieser Karamellhersteller mit lokalen Erzeugern zusammenarbeitet und welcher Wert auf die Qualität der verwendeten Grundprodukte gelegt wird. Nach mehreren Kostproben konnten wir uns in der supermarktgroßen Boutique noch mit dem ein oder anderen Ostergeschenk eindecken.
Am Abend traf sich die ganze Gruppe schließlich noch einmal zu gemeinsamen Spielen sowie zur Erstellung der Projektarbeit: In gemischten Paaren erstellten die Schüler*innen visuell ansprechende Präsentationen, in denen sie einerseits ihre individuellen Eindrücke des bereits Erlebten zweisprachig verarbeiteten und andererseits die Bedeutung, die die zahlreichen Gedenkstätten in der Normandie für die binationale Erinnerungskultur haben, reflektierten.

Am Donnerstag stand vormittags ein besonderer Besuch auf dem Programm: In der D-Day Academy in einem Vorort Caens konnten die Schüler*innen hautnah erleben, wie das Leben eines Soldaten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs aussah. Über viele Jahre hinweg hat der Verein, der dieses immersive Museum betreibt, hunderte originale Uniformen und Waffen sowie mehrere Fahr- und Flugzeuge sowie Alltagsgegenstände amerikanischer und deutscher Soldaten gesammelt und stellt diese nun in einem ehemaligen Hangar der deutschen Luftwaffe aus. Das Besondere daran: Es darf alles angefasst und ausprobiert werden. Nach einer fast zu kurzen Besichtigungs- und Ausprobierzeit fuhren wir mit drei Militärjeeps (auch diese natürlich aus den 40er-Jahren) zum Juno Beach, an dem am 6. Juni 1944 hauptsächlich kanadische und britische Soldaten gelandet waren. Beeindruckend war der Bericht von dem Vereinsvorsitzenden Jean-Pierre Benamou (übrigens Träger des „Order of the British Empire“): Am Zugang zu diesem Strandabschnitt wurde ein britischer Panzer Opfer eines deutschen Hinterhalts und fuhr sich in einem Erdloch fest. Nach der geglückten Landung der Alliierten blieb der Panzer jahrelang an Ort und Stelle. Über die Behelfsstraße, die über den Panzer hinweg gebaut wurde, fuhr am 14. Juni 1944 Charles de Gaulle auf seinem Weg von London nach Bayeux, der bis zur Befreiung Paris‘ Übergangshauptstadt des freien Frankreichs. Nachdem der Panzer einige Jahre später auf Initiative des ehemaligen britischen Fahrers, der wie durch ein Wunder den deutschen Angriff schwer verletzt überlebt hatte, geborgen worden war, steht er heute als weiteres Mahnmal direkt am Strand. An seiner Seite begraben liegt sein ehemaliger Fahrer. Eine beeindruckende Geschichte, die uns alle emotional berührte. 
Als letzte gemeinsame Aktivität der Woche gingen wir am Nachmittag Eislaufen – für den ein oder anderen rutschiges Neuland, aber dennoch ein unterhaltsamer letzter Programmpunkt. Den Rest des Tages verbrachten dann alle noch mit ausgedehnten Shoppingtouren im wunderschönen Caen (etwa so groß wie Heilbronn) und mit letzten Eindrücken der französischen Gastronomie.

Nach einer erneut langen Zugfahrt kamen wir am Freitag, den 20. März, gegen 19:30 Uhr in Heilbronn an; zwar müde und erschöpft, aber mit vielen bereichernden Eindrücken und neuen Kontakten, die in der kurzen Zeit zwischen deutschen und französischen Schüler*innen entstanden waren.